20% Ergebnis – 80% wieder machen wollen

Unter dieses Motto könnte man mein Verständnis von ehrenamtlicher Arbeit stellen. Ich habe in der letzten Zeit öfters Diskussionen geführt, wie denn Gremien, Fachschaftsarbeit, Hochschulgruppen, Uni-Partys, you name it,… im ehrenamtlichen Bereich organisiert gehören. Vielfach wurde geäußert, dass lange Diskussionen total ineffizient sind und man das am besten hierarchisch organisiere sollte. Ich möchte in diesem Artikel darauf eingehen, warum diese Diskussionen in den Gruppierungen so nötig sind und warum gerade die Universität der richtige Ort hierfür ist.

Lange Diskussionen ums Prinzip und Ideologien

Zum Beispiel in der Studierendenvertretung (StuVe) der Uni Ulm wird auf den mindestens monatlichen Treffen gerne mal von 18:30 bis 1 Uhr Nachts diskutiert. Ob dabei was rauskommt hängt von viele Faktoren ab. Da die Themen aber oft die Selbstverwaltung betreffen oder die Voraussetzungen schaffen, damit andere wiederum Projekte mit tatsächlichem “Outcome” machen können, sind die Diskussionen oft trocken, es geht oft schlicht ums Prinzip und Ideologien.

Wenn man das jemandem erzählt, ist die normale Reaktion ein Äquivalent des Hände-über-dem-Kopf-Zusammenschlagens. Nicht anders ist es in der Fachschaft Informatik, deren wöchentliche Sitzungen selten unter zwei Stunden dauern. Und nicht selten hat man – wie auch in der StuVe – das Gefühl, alleine hätte mans in 20% der Zeit  hinbekommen – vielleicht sogar besser.

Nach dieser Beschreibung müsste das Fazit ja nun heißen: Diskussionen abschaffen oder weitmöglichst einschränken. Besser mal machen als dauernd reden. Am besten noch gekrönt mit “In der Industrie sagt schließlich auch einer wo es lang geht”. Und dort sind wir auch schon beim relevanten Unterschied: Wir sind nicht die Industrie. Wir werden nicht bezahlt und unsere Existenz ist nicht ausschließlich darin begründet, am Ende der Wertschöpfungskette ein maximal marktoptimiertes Produkt zu haben. Auch nicht ansatzweise.

Ergebnisse sind wichtig, es muss aber auch noch jemand machen wollen

Bevor wir uns missverstehen, eines vorweg: Das was bei der ganzen Mühe, die sich die ehrenamtlich Engagierten machen auch was rauskommen soll, ist ganz klar. Schließlich arbeitet niemand nur dafür, dass er am Abend müde ist, und wer andauernd sieht, dass seine Arbeit keine Früchte trägt, wird sich alsbald eine neue Beschäftigung suchen.

Wichtiger aber als das konkrete Einzelergebnis ist meines Erachtens jedoch das Gefühl, dass die jeweiligen Gruppierungsmitglieder beim Prozess des Ergebnisse Schaffens mitnehmen. Das klingt nun hochtrabender als es eigentlich ist. Man muss lediglich bedenken, dass die ganzen Ehrenamtlichen aus Fachschaften, StuVe, Hochschulgruppen, etc… ihre Freizeit – meist die Abenden an denen andere Studenten auf dem Weihnachtsmarkt Glühweintrinken sind – aufwenden um eben diese Ergebnisse in den jeweiligen Sitzungen zu schaffen. Wenn nun diese Ergebnisse auf eine Art und Weise geschaffen werden, dass sich viele Sitzungsteilnehmer übergangen oder ungehört fühlen, sie unzufrieden sind, dann hat man oft trotz eventuell guten Ergebnissen nichts gewonnen. Denn: Es reicht nicht aus, ein Ergebnis zu haben, man muss es auch umsetzten.

Viele der Themen etwa in StuVe und Fachschaften können oder sollen nicht von einem Studenten allein umgesetzt werden, man denke etwa an Uni-Gremien (Studienkommissionen, …)  in denen man tunlichst geschlossen auftreten sollte oder an Projekte, die auf lange Zeit betreut werden müssen und viel Arbeit sind. Da hilft es dann auch nicht mehr, dass sich die Sitzungsteilnehmer gerne engagieren. Wer gefrusstet ist, trägt die Ergebnisse nicht aktiv mit.

Auch schon die schwächere Form ist schädlich: Wenn ein Gruppierungsmitglied nicht in die Entscheidungsfindung mit einbezogen wird, wird es oft auch nicht die eventuelle Wichtigkeit des Themas erkennen. Und da sich die wenigsten Menschen aus Langeweile stets neue Aufgaben suchen, die andere schon bearbeiten, wird sich dieses Gruppenmitglied das Thema für gewöhnlich nicht zu eigen machen.

Es hilft meist also nichts, wenn man versucht die Ergebnisse irgendwie in der Sitzung durchzudrücken. Dann gibt es zwar den einen, der das Ergebnis haben wollte, an diesem bleibt dann aber die Arbeit kleben. Und wenn dieser eine das “nur mal Anschieben” wollte, auf dass es dann von der Gruppierung übernommen und getragen werden soll, so fährt das Ergebnis munter gegen die Wand und entwickelt sich zum Frustrations-Bumerang.

Und auch hier machts wieder die Menge: Kommt es öfters vor, dass die meisten Mitglieder sehr unzufrieden sind und im Gegenzug die Arbeit zum Privatprojekt einzelner Mitglieder wird, dann schadet das der Gruppierung und somit natürlich auch ihren Zielen. Um das zu vermeiden muss man die Diskussionen eben akzeptieren. Eine gute Moderation kann die Diskussionen zwar effizienter und angenehmer gestalten – über Bord werfen kann man die Diskussionen aber nicht.

Wir sind eben keine Firma. Es gibt im normalfall keinen Chef und selbst wenn es den gäbe kann der nicht eben jemanden zum Arbeiten verdonnern. Ergebnisse sind wichtig, es muss aber auch noch jemand machen wollen.

Das dynamische Gleichgewicht

Der Leser dieses Artikels wird sich nun wohl denken, dass es zwar schon Fälle geben kann wo das von mir skizzierte zutrifft, aber es gibt ja auch dutzende Gegenbeispiele, wo es auch ohne viel Gerede funktioniert. Zweifelsohne, das ist richtig.

Und um das oben skizzierte Bild von StuVe und Fachschaft Informatik wieder in ein etwas besseres Bild zu rücken: Konkrete Projekte werden oft auch ganz unkompliziert gelöst. Beispiel “Profabendessen” (Abendessen für Professoren und Informatik-Erstsemestler zum Kennenlernen): Hier wird nicht diskutiert. Dem Zuständigen wird gesagt, was er wissen muss und wo er Hilfe bekommt und darf darauf hin fröhlich und eigenständig ans Werk gehen. Funktioniert sehr gut.

Dies ist aber kein Widerspruch zum oben Dargelegten. Es wird schließlich auch nicht des Diskutierens wegen selbst diskutiert in den Gruppierungen, sondern weil ein Mitglied eben zu einem Aspekt etwas auf dem Herzen hat, was von konzeptioneller Natur ist. Um konkrete Projekte hingegen umzusetzen brauch man keine Sitzungen, sofern man das Projekt denn schon beschlossen hat. Hier trifft man sich unbürokratisch oder macht die Dinge per Mail aus.

Und wie es nun die beiden verschiedenen Fälle gibt, so gibt es auch alle Arten von Mischformen. Und für jede Gruppierung und jede Tätigkeit wird sich ganz automatisch ein dynamisches Gleichgewicht ergeben. Umso grundsätzlicher Themen sind, umso eher wird darüber Diskutiert und umso konkreter Projekte sind, umso eher wird umgesetzt und sich an den Früchten der Arbeit erfreut. Es macht eben einen Unterschied, ob in der StuVe diskutiert wird, was das Selbstverständnis sei oder ob man beispielsweise eine verfasste Studierendenschaft gutheißt (Ergebnis: Ja), oder ob sich hingegen die Bier-Orgs einer Uniparty mal eben zu zweit oder zu dritt überlegen, was für Biersorten den toll wären.

“Und wo liegt nun die Erkenntnis?”, könnte man fragen. Nun, eigentlich sollte es selbstverständlich sein, das verschiedene Arten von Gruppierungen und Themen verschieden Herangehensweisen benötigen. Das scheinen mir aber viele Menschen gerne zu vergessen, wenn es dann plötzlich zu einem Thema kommt, bei welchen es für andere auf einmal einen hohen Diskussionsbedarf gibt. Es ist selbstverständlich in Ordnung, von für einen persönlich uninteressanten oder zu langen Diskussionen genervt zu sein. Man kann auch soweit gehen und sagen “Das ist nichts für mich, ich mach nur die konkreten Sachen”. Aber es ist meines Erachtens naiv zu glauben, dass man die Diskussionen einfach weglassen könnte.

Zwischenfazit

Diskussionen sind meines Erachtens ein nötiges Mittel, damit nicht nur Ergebnisse am Ende dastehen sondern auch Menschen die sich mit den Ergebnissen identifizieren können, sie umsetzen wollen und getreu der Überschrift auch das nächste mal wieder mitmachen. Hinzu kommt, dass meine Gremienerfahrung bisher zeigte: Viele Ergebnisse sind vergänglich, eine schlechte Gruppendynamik schadet immens viel mehr als verpasste Gelegenheiten. Daher die Aufteilung 20/80.

Lebensraum Universität – Ort der politischen Bildung

Es gibt aber auch noch einen weiteren, etwas ideologischeren Grund wieso ich persönlich gerne bereit bin die unzählichen Gremiendiskussionen mitzumachen:

Die Universität ist ein Lebensraum. Es sollte hier nicht um Durchreise vom Abitur zu einem Job gehen, sondern die Universität ist ein eigener Lebensabschnitt für einen Studenten – jedenfalls meiner Meinung nach. Gerade in der heutigen Leistungsgesellschaft mit Bachelor/Master sehen sich die Studenten leider oft schon in ihren späteren Jobs (oder unkonkreter: zumindest mit Abschluss irgendwo anders als in der Uni). Und auch wenn man natürlich gerne mehr als 6 Semester Bachelorstudent sein darf, nimmt sich jeder Ersti natürlich dennoch vor in 6 Semester fertig zu sein. In Kombination mit dem Prüfungs-Staccato hat die Uni dann den geistigen Lebensabschnitts-Faktor einer Bahnhofshalle. Und wer will schon Mühe aufwenden um Verbesserungen im nächstgelegenen Bahnhof durchzusetzen?

Und dieser Lebensraum, den die Uni darstellen sollte, hat auch eine Aufgabe: Er dient der Ausbildung der Studenten zu vollwertigen Menschen. Und das geht über die Akademische Ausbildung hinaus. Via stk wurde ich auf folgendes Zitat aufmerksam gemacht, dass den Sachverhalt wohl am besten beschreibt:

“An der Universität darf und soll ALLES in Frage gestellt werden dürfen. Das hat nichts mit einer geschützten Werkstatt zu tun, wie möglicherweise einige einwenden werden. Die Universität ist der Ort, an dem Werte, Visionen, Selbstbilder der Gesellschaft erschaffen und wieder zertrümmert werden. Es ist folglich die Aufgabe der Universität ihre Studenten zu nervigen, aufmüpfigen, kritischen Mitmenschen zu erziehen, [...](Dorian Gray, Quelle, Dorian Gray erörtert weiter, dass diese Mitmenschen sogar nicht einmal vor illegalen Methoden (i.e. Hörsaalbesetzungen) zurückschrecken sollen)

Die Universität ist eine Spielwiese der menschlichen Gesellschaft. Wo, wenn nicht hier ist der richtige Ort um Alternativen zu den üblichen Verhaltensweisen, etwa die aus der Industrie, zu erproben. An dieser Stelle mag ich zudem fefe zitieren, welcher über Basisdemokratie schrieb:

“Jeder sollte, bevor er sich für oder gegen Basisdemokratie entscheidet, durch ein paar Jahre AStA-Abstimmungen und -Debatten durch.” (Felix von Leitner, Quelle)

Ich halte die Universität hier für unersetzlich, was die Möglichkeit anbelangt, eben solche Konzepte aus erster Hand zu erfahren und sich selbst eine fundierte Meinung darüber zu bilden.

Die Universität ist auch genau der richtige Ort um den Studenten Kompetenzen abseits der wissenschaftlichen Lehre zu vermitteln. Kompetenzen die auch später nützlich sind. Nützlich nicht nur für die Person selbst als persönlichkeitsbildende Maßnahme sondern auch nützlich aus einem ganz pragmatischen Ansatz: Wer beispielsweise durch unzählige Gremiendiskussionen eine gewissen Diskussionskompetenz erworben hat, wird möglicherweise auch eher in der Lage sein, schwierige und festgefahrene Diskussionen zu lösen. Und das kommt den Diskussions-Kritikern dann doch sogar entgegen.

Fazit

Wie auch die Kritiker der Diskussionen sagen würden: “Outcome” ist das wichtigste. Das stimmt auch völlig, wenn man als “Outcome” eben nicht nur das Einzelergebnis mit einberechnet sondern eben auch die Zufriedenheit der Gruppe und die gewonnenen Erfahrungen addiert. Mit dieser Einstellung kommt man übrigens auch viel besser mit solchen Diskussionen klar :)

Über den Autor: Der Autor, Student an der Uni Ulm, ist seit etwas über einem Jahr Mitglied im AStA-Vorstand und der StuVe-Sitzungsleitung und bei diversen Unipartys als Mitorganisator dabei gewesen. Zudem war oder ist er Mitglied in diverse Universitätsgremien, darunter der Senatsausschuss Lehre, der Arbeitskreis Studiengebühren und der Universitätsrat.

6 Antworten zu “20% Ergebnis – 80% wieder machen wollen”

  1. stk sagt:

    Du solltest Dorian dann aber auch vollstaendig zitieren oder zumindest kenntlich machen, dass du ihn mitten im Satz unterbrichst:

    “Es ist folglich die Aufgabe der Universität ihre Studenten zu nervigen, aufmüpfigen, kritischen Mitmenschen zu erziehen, die keine Angst davor haben, selbst illegale Wege zu beschreiten, um scheinbar in Stein gemeisselte Gesetze hinterfragen zu können. Die Unibesetzer nehmen folglich ihre Pflicht als Studenten wahr. Es ist tragisch und bedrückend für jeden freidenkenden Bürger, dass ein grosser Teil der Studentenschaft selbst, gerade diesen Zusammenhang nicht zu erkennen scheint.”

    Einmal davon abgesehen, liegt eines der groesseren Probleme der uulm-Gremien nicht darin, dass man etwa nicht genuegend basisdemokratisch oder sonstwas waere, sondern dass man sich vordergruendig mit Sachfragen beschaeftigt, waehrend es tatsaechlich um viel tiefergehende, teils durchaus ideologische Fragen geht, die aber nie konkret thematisiert werden. Das wird dann zum Problem, wenn sich Leute vorher intensiv Gedanken machen und sich ein Modell aufbauen, den anderen aber nur das Ergebnis mitteilen, obwohl die nicht den blassesten Schimmer haben, was das dahinter stehende Modell ist und wie es demnach zu dem Schluss kam.

    • marcus sagt:

      Was das Zitat anbelangt: Ich habs kenntlich gemacht. Ich habe im übrigen ein Weilchen darüber nachgedacht, wie man dieses sehr gute Zitat am besten zitiert. Das Problem mit dem weiteren Zitat ist, dass es inhaltlich dann in eine andere Richtung geht und man das illegal missverstehen würde, da der Artikel nunmal nicht über den Bildungsstreik geht.

      Was dein unten skizziertes Problem anbelangt, muss ich dir auch recht geben. Es ist aber ziemlich schwer das allgemein festzumachen. Zum einen ärgert es mich maßlos, wenn ich einmal nicht auf der Fachschaftssitzung sein kann und dann E-Mail Nachfragen nach dem wieso und weshalb als nervige E-Mail-Diskussion beschimpft werden. Andererseits war ich auch schon hin und wieder (gerade etwa mit den Plakatierregeln) auch in der Situation, dass es einfach gewesen wäre, wenn die Interessierten hier zu den jeweiligen angekündigten Sitzungen gekommen wären. Auf die schnelle glaube ich, dass sich in solchen Fällen auch stets diejenigen zumindest melden müssen, die das Modell dahinter nachvollziehen wollen. Ich werd mal drüber nachdenken.

      Edit: Ich komme immer mehr zur Überzeugung, dass es sich nur mit beiderseitigen Bemühungen lösen lässt. Ich finde, es gibt einen Anspruch, dass jeder Interessierte die zu Grunde liegenden Modelle – gerne auch en detail – erfahren soll. Gleichzeitig muss aber der Interessierte auch aktiv nachfragen. Oft sind die Modelle nämlich nur implizit vorhanden oder historisch gewachsen so dass ein automatisches mitliefern nur mit sehr viel Zusatzmühe möglich wäre. Beide Seiten müssen also miteinander reden. Es handelt sich im Übrigen m.E. um das selbe, wie dass Nachwuchs (zB Fachschaftsnachwuchs) nur schrittweise und soweit eben Interesse besteht in Hintergründe, etc. eingeweiht werden. Aber Fazit muss sein: Wer Entscheidungsgrundlagen wissen will, soll sie erfahren.

  2. Aufmerksamer Leser sagt:

    Spannende Ansicht der studentischen Lage an der uulm.
    Marcus for AStA-Vorstand!

    • marcus sagt:

      hmmm… bin ich doch schon? Ich kann mich nicht ganz dem Eindruck erwehren, dass es sich hierbei um Sarkasmus handelt :)

      In diesem Fall bin ich an der Kritik sehr interessiert.

  3. Sirat sagt:

    Bah… welch triefender Optimismus! Aber gut, da es Weihnachten wird und jeder unbedingt eine positive Bilanz über das fast vergangene Jahr ziehen muss, war das ja zu erwarten.

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