Schöner, zielstrebiger und effizienter

Nachfolgender Text ist auf der aktuellen Gerüchteküche der StuVe. Die Idee kam von mir, allerdings bin ich nicht der Autor dieses überaus genialen Textes, den ich auf diese Weise noch etwas mehr verbreiten möchte.

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Schöner, zielstrebiger und effizienter

Akademische Zukunftsvisionen, ein Gespräch mit dem frei erfundenen Herrn U. Freundlich

Die Gerüchtekücheredaktion hat für diesen Beitrag zur Entwicklung des Bachelorabschlusses auf den Arbeitsmarkt ein Interview mit dem frei erfundenen Herrn U. Freundlich, dem Personalchef Deutschlands größter, aber ebenfalls frei erfundenen Arbeitsvermittlungsagentur für Akademiker “WeTradeAcademics AG” geführt. Die WeTradeAcademics AG vermittelt Arbeitnehmer in Gesamtarbeitskraft von 118 Mrd. € und macht damit einen Anteil von 5 % des Bruttoinlandsproduktes aus. Themen des Gesprächs waren die Einstellungsvoraussetzungen für Bachelor und die Frage, ob sich der Bolognaprozess positiv auf die Vermittlungsaussichten von Akademikern auswirkt.

Gerüchteküche: Lieber Herr Freundlich, vielen Dank erst einmal, dass Sie so kurzfristig noch Zeit für uns finden konnten. Wir wollen heute mit Ihnen über das Bachelor/Master-System sprechen. Man sagt, die neuen Abschlüsse, vor allem der Bachelor, seien bei den einstellenden Betrieben sehr schlecht angesehen. Wie sehen Sie das?

U. Freundlich: Ganz und gar anders. Sehen wir der Realität ruhig ins Gesicht, es findet mit dem Bachelor-System auch eine Änderung des Arbeitsmarktes statt. Und selbst wenn heute noch manche Betriebe altertümliche Abschlüsse aus verrostet traditioneller Einstellung bevorzugen, wird ihnen bald nichts anderes mehr übrig bleiben, als Bachelor- und Master-Studierenden einzustellen. Und das ist auch gut so! Schon jetzt sind viele unserer Kooperationsunternehmen von unseren qualifizierten Bachelorangeboten überzeugt.

Gerüchteküche: Was sind denn Ihres Erachtens die Kernmerkmale, die einen guten Bachelorabsolventen ausmachen?

U. Freundlich: Das ist vor allem eine hohe Flexibilität. Unsere Angestellten müssen in der Lage sein, die im Studium gelernten Konzepte schnell und fehlerfrei auf realistische Arbeitssituationen und Projekte übertragen können. Leute die universell und über die geforderte Anwendung hinaus denken, werden bei uns nicht gesucht. Das mag vielleicht für den ohnehin überschwemmten Arbeitsmarkt von Führungskräften interessant sein, ist für 85% der deutschen Arbeitnehmer aber einstellungshindernd.

Gerüchteküche: Aber ist es nicht so, dass durch die Verkürzung des Studiengangs für einen Bachelorabschluss viele Themenkomplexe nur unzureichend gelehrt werden konnten?

U. Freundlich: Nein. Dadurch fallen nur die für die Realität am Arbeitsmarkt ohnehin unnötigen Spezialisierungen auf irrelevante Teilbereiche weg. Man kann geradezu behaupten, dass die Studienverkürzung die Absolventen dynamischer und jünger werden lässt. Der angenehme Nebeneffekt: Die Absolventen haben weniger fest geprägte Ideologien und passen sich daher besser den einstellenden Unternehmen an.

Gerüchteküche: Aber sollte nicht das Studium als eigenständiger Lebensabschnitt aufgefasst werden und damit zur Persönlichkeitsbildung und -entfaltung beitragen?

U. Freundlich: Man merkt, dass Sie Diplom-Studenten sind! Das Studium als vollständigen Lebensabschnitt zu sehen führt zu extrem verlängerten Studienzeiten, in denen Sie der Gesellschaft nur Kosten produzieren und für den modernen Arbeitsmarkt überaltern. Prozesse wie Persönlichkeitsbildung oder langfristige Bindungen, wie z.B. Ehe, Familie, Kinder etc., gehören heutzutage nicht mehr in ein effizientes Studium. Das sieht man auch an den Zielen der Bolognareform: Wir brauchen flexible, zielstrebige, zügig studierende, junge Arbeitnehmer und keine von Müßiggang geprägten Langzeitstudenten. Für Persönlichkeitsbildung und die anderen Sachen haben Sie auch später noch Zeit.

Gerüchteküche: Wollen Sie damit sagen, Ehe und Familie gehören ins Berufsleben?

U. Freundlich: Sicherlich nicht an den Anfang eines erfolgreichen Berufseinstiegs. Die ersten 10, 15 Jahre sollten Sie ungebunden, mobil und global einsetzbar bleiben, wenn Sie etwas werden wollen. Wenn Sie stattdessen lieber heiraten und Kinder wollen, warum haben Sie denn dann 3 Jahre lang studiert?

Gerüchteküche: Viele Bachelorstudenten brauchen sogar länger als die vorgesehenen 3 Jahre. Wirkt sich das negativ auf die Einstellungsvoraussetzungen aus?

U. Freundlich: Selbstverständlich. Wir haben da ein Einstellungsrating nach dem die Absolventen bei uns zur weiteren Verwendung eingestuft werden. Ein abgeschlossener Bachelorabschluss bringt beispielsweise 10 Punkte, aber für jedes Semester über der Regelstudienzeit 2 Punkte Abzug.

Gerüchteküche: Und was ist mit Auslandssemestern, bei denen man bekanntlich meist 1 bis 2 Semestern im Studienplan in Verzug gerät?

U. Freundlich: Das bietet sich nur an, wenn es sich für unsere Partnerunternehmen in der Konstellation sinnvoll erweist. Für ein Unternehmen, dass beispielsweise gar nicht im spanischsprachigen Raum tätig ist, ist Ihr “Spanienurlaub” natürlich vollständig verschwendete Zeit.

Gerüchteküche: Und was ist mit ehrenamtlichen und sozialen Engagement?

U. Freundlich: Was Sie in Ihrer Freizeit tun, bleibt natürlich Ihnen überlassen, solange Ihr Studienerfolg und später Ihre Arbeitsleitung nicht darunter leiden.

Gerüchteküche: Sind Sie nicht der Auffassung, dass sich in solchen Freizeitaktivitäten auch berufsqualifizierende Fähigkeiten lernen lassen, wie z.B. Projektmanagement, soziale Kompetenzen, Teamfähigkeit usw.?

U. Freundlich: Solche individuell entwickelten Fähigkeiten sind gerade der Teamarbeit oftmals hinderlich, da hier unterschiedliche Voraussetzungen bei den Absolventen vorliegen und persönliche Einflüsse in Projekte eingehen. Das macht die Arbeitnehmer schwerer zu ersetzen und daher kostspieliger und schwieriger zu vermitteln. Außerdem müssen Sie doch zugeben, dass ehrenamtlich betätigte Studierende die ersten sind, die mit Spruchbändern bewaffnet und Parolen skandierend eine effiziente Abwicklung des Studiums verhindern. Man erinnere sich nur an Wien.

Gerüchteküche: Wir würden an dieser Stelle gerne darauf hinweisen, dass Protestaktionen und ehrenamtliches Engagement nicht unbedingt das Gleiche sind. Gerade beim Bildungsstreik und den Protesten in Wien sollte ja auf Defizite in der Umsetzung der Bolognareform hingewiesen werden. Sehen Sie denn hier keine Umsetzungsprobleme der Reform?

U. Freundlich: Natürlich gibt es noch Nachbesserungsbedarf. Zum Beispiel haben wir bei den additiven Schlüsselqualifikationen zu hohe individuelle Wahlmöglichkeiten. Das schränkt die uniforme Entwicklung der Absolventen ein. Bei den gradlinigen, zielstrebigen Studienplänen und Modulhandbüchern wurde hier schon gut vorgelegt. Wir fordern die Politik auf, auch bei Wahlpflichtmodulen entsprechend nachzubessern, damit die Absolventen gleiche Voraussetzungen auf dem Arbeitsmarkt haben.

Gerüchteküche: Vielfach wird auch der gestiegene Stress der Studiums als Kritikpunkt angeführt…

U. Freundlich: Das Studium effizienter und stressiger zu gestalten, ist aber nur sinnvoll und dem Arbeitsumfeld angemessen. So können wir schon an den Studienleistungen die hinreichende Stressresistenz der Bewerber ablesen. Wer sich dem Stress im Studium nicht gewachsen fühlt, der braucht sich gar nicht erst dem Arbeitsmarkt zu stellen. Denn seien wir mal ehrlich: Das Studium ist doch überwiegend durch Partys und diverse dubiose Freizeitveranstaltungen geprägt.

Gerüchteküche: Mit Ihren Aussichten zeichnen Sie ein Zukunftsbild ähnlich der “schönen neuen Welt”.

U. Freundlich: So, wie ich mir das vorstelle, wird unsere Welt tatsächlich schöner, zielstrebiger und effizienter.

Gerüchteküche: Vielen Dank für das Interview, Herr Freundlich.

Das Interview führten Finn und Bene

4 Antworten zu “Schöner, zielstrebiger und effizienter”

  1. [...] ausfuehrlicher um das Thema, soweit man das von studentischer Seite aus einsehen konnte. Und neben dem fiktiven Interview mit Herrn U. Freundlich sei an dieser Stelle auch noch einmal darauf verwiesen, dass am kommenden Freitag um 1220 Uhr [...]

  2. [...] This post was mentioned on Twitter by Benjamin Meier and Benjamin Meier, Marcus Bombe. Marcus Bombe said: http://marcus.bloggt.es/bachelor-interview/ "Schöner, zielstrebiger und effizienter"; Satierisches Interview zum Bachelor aus der GK #uulm [...]

  3. marcus sagt:

    Ausgehend vom letzten Artikel schöner, zielstrebiger und effizienter hab ich mir noch ein paar Gedanken gemacht. Die Vorstellung, dass die gleichförmigen Absolventen gewünscht sein könnten, weil einfach zu ersetzen, lässt mich nicht los…

    siehe http://marcus.bloggt.es/gleichformige-absolventen/

  4. [...] marcus.bloggt.es Uni Ulm / Informatikerzeugs / Fundstücke « Schöner, zielstrebiger und effizienter [...]

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